Was sind inflationsindexierte Anleihen – und wie funktionieren sie?

Inflationsindexierte Anleihen, sogenannte Linker, sind meist Staatsanleihen. Anders als bei klassischen Festzinstiteln hängen Coupons und Rückzahlungsbetrag aber von der Inflation ab, gemessen am Preisindex des Emittentenlandes. Investoren können sich mit Linkern deshalb vor Inflationsrisiken schützen. Aber wie geht das genau?

Die Inflation kann die Realerträge von Anlagen schmälern, da Euro, Pfund und US-Dollar durch die Teuerung im Laufe der Zeit an Kaufkraft verlieren. Man kann die Inflation zwar nicht direkt beobachten, aber mithilfe von Preisindizes schätzen. Sie beruhen auf nach subjektiven Kriterien zusammengestellten Warenkörben. Diese Körbe verändern sich im Laufe der Zeit, da sich das Waren- und Dienstleistungsangebot sowie auch das Verbraucherverhalten ändern.

Für etwas, das heute 1,00 Euro kostet, muss man bei einer Inflation von konstant 2 Prozent in zwei Jahren rund 1,04 Euro bezahlen. Bei einer klassischen nominal verzinslichen Anleihe bleiben solche Kaufkraftverluste während der Laufzeit unberücksichtigt.

Wer 1.000 Euro investiert und sie nach zwei Jahren zurückerhält, kann dann nur Waren und Dienstleistungen kaufen, die 961,17 Euro wert sind. Je höher die Inflationsrate und je länger der Anlagezeitraum, desto stärker schmälert die Inflation die Kaufkraft.

Die Auswirkungen der Inflation absichern

Um sich vor Inflationsrisiken zu schützen, können Investoren stattdessen inflationsindexierte Anleihen kaufen. Ihr Zins ist zwar niedriger als der vergleichbarer Nominalzinsanleihen, doch wird der Nennwert während der Laufzeit an Veränderungen des relevanten Preisindex angepasst. Bei Euroraum-Staatsanleihen ist dies meist der Harmonised Index of Consumer Prices (HICP) ohne Tabak, in Großbritannien der Retail Price Index (RPI) und in den USA der Consumer Price Index (CPI). Aber was bedeutet das?

Unser Anlagebetrag von 1.000 Euro wird während der Laufzeit mit der jeweils aktuellen Inflationsrate fortgeschrieben. Wenn die Inflation wie im Beispiel stets 2 Prozent beträgt, steigt der Nennwert bis zur Endfälligkeit auf 1.040,40 Euro. So viel Geld würde ein Anleger vom Emittenten zurückerhalten – nicht nur die 1.000 investierten Euro.

Außerdem beziehen sich die Coupons auf den jeweils aktuellen inflationsbereinigten Nennwert. Wenn sich die Anleihe mit 1,5 Prozent verzinst, erhält man in den beiden Jahren zusammen daher nicht 30,00 Euro Zinsen (wie bei einer klassischen Anleihe), sondern 30,91 Euro.

Quelle: AXA IM. Die blauen Pfeile beziehen sich auf den Realwert, die violetten auf die Inflationsindexierung.

Analog dazu werden die Zinsen von Linkern bei einer Deflation verringert (außer bei australischen Titeln, deren Coupons vor Deflation geschützt sind).

Die meisten staatlichen Emittenten schützen aber zumindest den Rückzahlungsbetrag vor einer Deflation und legen fest, dass er nicht unter pari fallen kann. Damit verliert das investierte Kapital bei fallenden Verbraucherpreisen nicht an Wert. Anders ist es lediglich bei einigen alten britischen Titeln sowie bei kanadischen Staatsanleihen.

Relativer Wert und Breakeven-Inflation

Um die Attraktivität von Linkern zu beurteilen, vergleichen Anleger sie gerne mit nominal verzinslichen Anleihen desselben Emittenten. Der Zins einer Nominalzinsanleihe, die Nominalrendite, ist im Emissionsprospekt festgeschrieben. Die Realrendite der Anleihe ist die Nominalrendite abzüglich der Inflationsrate. Wenn die Nominalrendite beispielsweise 3 Prozent beträgt, verdient man bei 2 Prozent Inflation real nur 1 Prozent.

Eine andere wichtige Kennzahl ist die Breakeven-Inflation. Sie ist die Differenz zwischen der Nominalrendite einer klassischen Anleihe und der Rendite eines laufzeitgleichen Linkers desselben Emittenten. Wie erwähnt liegt die Nominalrendite eines Linkers oft unter der einer Nominalzinsanleihe, da die Inflation für zusätzliche Couponzahlungen sorgt. Damit man mit Linkern genauso viel verdient wie mit Nominalzinsanleihen, muss die Inflationsrate während der Laufzeit mindestens der Breakeven-Inflation entsprechen.

Das folgende Beispiel zeigt, wie sich die einjährige Breakeven-Inflation in den USA, Großbritannien und im Euroraum in den letzten zehn Jahren verändert hat.


Quelle: Bloomberg, Stand 29. Mai 2020.

Gedanklich lässt sich die Breakeven-Inflation in zwei Komponenten zerlegen:

  • Inflationserwartungen: Sie lassen sich nicht exakt berechnen, aber die Inflationsziele der Notenbanken eignen sich als Benchmark. Die Markterwartungen können sowohl höher als auch niedriger sein, je nach Rahmenbedingungen und Konjunktur.
  • Inflationsrisikoprämie: Hierbei handelt es sich um zusätzliche Einflüsse von Angebot und Nachfrage, ergänzt um eine Liquiditätsprämie.

Der Carry, und wie man taktisch investieren kann

Die Breakeven-Inflation hilft, die Langfristrendite eines Linkers und die Inflationserwartungen zu beurteilen. Bei kurzfristigen Anlagen ist unterdessen der Carry wichtig – der Mehr- oder Minderertrag einer Anlage, in diesem Fall einer inflationsindexierten Anleihe, gegenüber einer risikolosen Anlage.

Beim Vergleich eines Linkers mit einer laufzeitgleichen risikolosen Anleihe ist der Carry der Mehr- oder Minderertrag bei einer günstigeren oder weniger günstigen Inflationsentwicklung. Unabhängig vom verwendeten Inflationsindex kommt es bei inflationsindexierten Anleihen nämlich nicht allein auf die aktuelle Teuerung an.

Da die Berechnung eines Preisindex recht langwierig ist, wird er erst mit Verzögerung veröffentlicht. So wird beispielsweise der Preisindex für den Juli erst im August bekannt gegeben. Dies muss man bei der Beurteilung einer inflationsindexierten Anleihe berücksichtigen.

Neben dem Veröffentlichungszeitpunkt des Index und den Couponterminen spielen auch Saison­effekte eine Rolle. Saisonalität bedeutet, dass Preisentwicklung und Konjunktur auch vom Kalender abhängen. Das kann natürliche Gründe haben (wie Jahreszeiten und Klima), rechtliche (etwa staatlich veranlasste Preiserhöhungen, Steuerrechtsänderungen, Schlussverkäufe im Einzelhandel) oder mit Lebensgewohnheiten und Traditionen zu tun haben (wie Weihnachten und Sommerferien).

Der HICP ohne Tabak, der Benchmarkindex für europäische Linker, hat eine starke Saisonalität. Deutschland (26 Prozent), Frankreich (20 Prozent), Italien (18 Prozent) und Spanien (12 Prozent) machen zusammen fast 80 Prozent des Index aus. Diese Länder haben viel gemeinsam, etwa einen ausgeprägten negativen Saisoneffekt im Januar und im Juli, aber einen positiven im Frühjahr.

Heute ist der Markt für Industrieländer-Linker über 3 Billionen US-Dollar groß, und der Markt für Schwellenländer-Linker hat mehr als 500 Milliarden US-Dollar Volumen.

Der größte Emittent inflationsindexierter Anleihen sind die USA. Am 30. April 2020 waren amerikanische Linker im Gesamtwert von 1,35 Billionen US-Dollar im Umlauf, die Großzahl davon mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren.

Nur für professionelle Kunden / nicht für Privat-/Kleinanleger

Die in diesem Dokument von  AXA Investment Managers Deutschland GmbH bzw. mit ihr verbundenen Unternehmen („AXA IM DE“) zur Verfügung gestellten Informationen, Daten, Zahlen, Meinungen, Aussagen, Analysen, Prognose- und Simulationsdarstellungen, Konzepte sowie sonstigen Angaben beruhen auf unserem Sach- und Kenntnisstand zum Zeitpunkt der Erstellung. Die genannten Angaben können jederzeit ohne Hinweis geändert werden und infolge vereinfachter Darstellungen subjektiv sein. Soweit die in diesem Dokument enthaltenen Daten von Dritten stammen, übernehmen wir für die Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Angemessenheit dieser Daten keine Gewähr, auch wenn nur solche Daten verwendet werden, die als zuverlässig erachtet werden. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen wird von AXA IM DE nicht übernommen. Informationen über Mitarbeiter von AXA Investment Managers dienen lediglich Informationszwecken und sind stichtagsbezogen. Ein Weiterbeschäftigungsverhältnis mit diesen Mitarbeitern wird nicht garantiert. Ref-17157